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Schweizer Kleinwagen: Rapid

Rapid: Josef Ganz – Dietikon (ZH), 1945

Der in seiner Konstruktion sehr gut durchdachte und ebenso ungewöhnliche Rapid, einer der ersten Kleinwagen, die nach 1945 in – wenn auch bescheidener – Serie gefertigt wurden, geht auf den bekannten deutschen Ingenieur Josef Ganz zurück. In Budapest geboren, arbeitete der als kritikfreudig gefürchtete Ganz als Konstrukteur vor dem Krieg für einige Autohersteller, darunter auch Daimler-Benz. Ganz pflegte seine Meinung über aktuelle Erscheinungen und Probleme der Fahrzeugbranche in der niveauvollen Zeitschrift Motor-Kritik kundzutun. Seine Ideen galten als progressiv, seine Arbeitsweise als dynamisch. Vielen seiner Zeitgenossen galt er als unbequem, weil er übernommene Denkweisen immer wieder in Frage stellte. Aber er hatte auch zahlreiche Bewunderer.

Anfang der 30er Jahre vermochte er Seine lange gehegten Ideen zu einer erschwinglichen, brauchbaren Fahrmaschine durch die Konstruktion eines Kleinwagens für die Motorradfirma Standard (später Gutbrod) in Ludwigsburg zu verwirklichen. Der geschlossene, in seinen Umrissen dem späteren VW Käfer nicht unähnliche Standard Superior hatte eine leichte Karosserie aus einem mit Kunstleder überzogenen Sperrholzgerippe und einem Zweizylinder- Zweitaktmotor mit 400 ccm Hubraum. Leider gab es bald Streit mit den tschechischen Tatra- Werken, die in der Chassiskonstruktion des Superior eine Verletzung ihrer patentrechtlich geschützten Bauart sahen, und so wurde dieser Ganz-Wagen bereits 1933 nicht weitergebaut. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten geriet der „Nichtarier“ Ganz allmählich unter den negativen Einfluss der neuen Ideologie und kehrte Deutschland den Rücken. In Liechtenstein richtete Ganz daraufhin zusammen mit einigen Weggefährten ein kleines Konstruktionsbüro ein und beschäftigte sich dort mit dem Bau eines auf die reduzierten Bedürfnisse der Nachkriegszeit zugeschnittenen Kleinwagens. Es entstand der Prototyp eines offenen Zweisitzers mit geschwungener Stahlblechkarosserie und umschlossenen Hinterrädern. Ein kräftiges Zentralrohr bildete das Rückgrat dieses als „Erfiag“ bezeichneten Modells. Die Räder waren einzeln an Querblattfedern aufgehängt, wobei hinten eine Pendelachse verwendet wurde. Der Motor, ein 300 ccm großer, luftgekühlter Einzylinder- Zweitakter trieb die um 10 cm enger als die Vorderräder zusammenstellenden Hinterräder mittels eines Dreigang-Motorradgetriebes (ohne Differential) an. Gestartet wurde der Motor mit einem Handhebel, der eine Spiralfeder spannte, die dann ihrerseits die Anlasserwelle auf dem Motor in Drehung versetzte.

Ende 1943 siedelte Josef Ganz mit seiner Konstruktion in die Schweiz über und versuchte dort, eine Firma zu finden, die seinen Kleinwagen bauen würde. Ihm selbst war als Emigrant jede Erwerbstätigkeit untersagt. Mit Hilfe des kantonalen Arbeitsamtes der Stadt Zürich wurde dann nach einiger Zeit Kontakt zur Firma Rapid geknüpft, ein Herstellerr für Motormäher und Kleintraktoren, der noch heute existiert. Diese Firma wollte zunächst ein paar Versuchsfahrzeuge bauen, um dann mit Hilfe eines finanzkräftigen Partners aus der Zulieferindustrie für Maschinen eine Serienproduktion in der Größenordnung von anfangs tausend Einheiten auf die Beine zu stellen. Mitte 1944 richtete die Firma Rapid in Zürich eine kleine eigene Werkstätte für den Prototypenbau ein und betraute vier Mitarbeiter mit dieser Aufgabe. Chef der Gruppe war der passionierte Techniker Walter Keller, dass der Ganz-Kleinwagen ohne größere Änderungen gebaut werden sollte. So waren schon im Frühjahr 1945 die ersten vier Prototypen fertig. Nicht recht zufrieden war man nach ersten Fahrten allerdings mit dem unkultivierten Einzylindermotor und der Handstartanlage. Keller hatte jedoch früher für den Einbau in kleine Landmaschinen einen neuen Motor mit ungewöhnlicher Arbeitsweise entwickelt. Bei diesem Gegenkolbenmotor liefen zwei Kolben in einem Zylinder aufeinander zu, hatten also den Brennraum gemeinsam in ihrer Mitte. Die Kurbelwelle lag unter dem Zylinder und war mit den Kolben über normale Pleuel und „Balanciers“ verbunden. Dieses Aggregat mit ca. 350ccm Hubraum arbeitete im Viertakt und überzeugte vor allem durch ganz erstaunliche Laufruhe. Acht bis zehn PS leistete dieser Gegenkolbenmotor, was für den nur etwa 400 kg wiegenden, jetzt „Rapid“ genannten Wagen durchaus ausreichen sollte.Beim Bau der nachfolgenden Null-Serie wurde dann dieser Spezialmotor verwendet, der den Rapid gut 70 km/h erreichen ließ. Der auf Scheibenrädern mit Motorradreifen rollende kleine Roadster mit der kompakten, gebläsegekühlten Motorisierung war geradezu ein Muster an Geländegängigkeit durch das fehlende Differential, gleichzeitig verfügte er wegen seines niedrigen Schwerpunkts und der unabhängig geführten Räder über eine hervorragende Straßenlage. Erste Demonstrationen für die Öffentlichkeit, bei denen Josef Ganz persönlich am Steuer saß, ließen manchem danebensitzenden Journallisten die Haare zu Berge stehen: Das kleine, gut geformte Wägelchen mochte halsbrecherische Manöver zu absolvieren. Doch der Rapid gefiel nicht nur durch unerwartetes Temperament. Front- und Heckteil der Karosserie ließen sich komplett aufklappen, wodurch alle Aggregate besonders gut zugänglich waren und in bezug auf Wartung keine Wünsche offenliessen. Eine schrägstehende, einteilige Windschutzscheibe verstärkte das sportliche Aussehen des keinen Rapid und im Innenraum ging es zwar spartanisch, aber bequem und grosszügig zu. Die Beine fanden reichlich Platz, und die Einzelsitze sorgten für Wohlbefinden der Passagiere, schlossen sie auch die Mitnahme einer dritten Person weitgehend aus. Das Autolenkrad in Schwarz oder Elfenbein lag gut in der Hand, und man brauchte nur eine Dreiviertelumdrehung, um die Räder voll einzuschlagen, was dem Rapid eine erstaunliche Wendigkeit verlieh. Tacho und Öldruckmesser waren die einzigen Instrumente auf dem kleinen Armaturenbrett vor dem Fahrer, der den Motor jetzt mit elektrischem Anlasser anwerfen konnte. Selbst an die Steinschlaggefährdung der eng nebeneinanderliegenden Scheinwerfer war gedacht: feine Gitter aus Metallstäben sorgten für Schutz. Bei Regenwetter stand ein hinter den Sitzen verstautes Stoffverdeck zur Verfügung. Bis Anfang 1947 wurden 36 Rapid-Wagen gebaut und zum Teil für 3600 Franken an private Kunden verkauft.

Inzwischen hatte sich die Konjunktur positiv entwickelt- wie vor dem Kriege strömten von allen Seiten Autoimporte in die Schweiz. Bei der Firma Rapid kam man deshalb bald zu der Überzeugung, dass eine einfache Fahrmaschine wie ihr Kleinwagen keine Zukunftschancen mehr haben konnte. Schnell waren die restlichen Wagen verkauf, nur ein Exemplar blieb im Werk. Den Gegenkolbenmotor stellte die Motorradfirma Motosacoche noch bis 1954 für Rapid her, die damit Ihre Einachstraktoren bestückte. Josef Ganz arbeitete später für Holden in Australien und verstarb 1967.

Der vermutlich einzige noch existierende Rapid-Kleinwagen wurde 1969 vom Herstellerwerk dem Verkehrshaus der Schweiz in Luzern übergeben, wo er heute besichtigt werden kann. Das kleine Auto gehört zu den Pionieren unter den Kleinwagen der Nachkriegs Europa.

oliver

fährt, sammelt und restauriert Kleinwagen seit 1998. Spezialgebiet: Brütsch Mopetta / Messerschmitt KR175 / Valmobile / Amilcar / Austin 7

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